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Nüchtern im Fest-Rausch

Mit dem BRK beim Pichelsteinerfest: Während andere feiern, halten sich die Ehrenamtlichen für den Notfall bereit

BRK Regen

Auf Rundgang: Wolfgang Stoiber (42) kontrolliert die neuralgischen Punkte auf dem Pichelsteinerfest, dort wo sich die Betrunkenen gerne mal zum Schlafen hinlegen.  − Fotos: Schweighofer

Regen. Es ist nur ein kurzer Schwall: „Disco-Pogo, ringelingeling und alle Atzen singen...“ − schon geht die Tür wieder zu. Nur noch gedämpft dringt die kurzzeitig dröhnend laute Musik jetzt in das kleine Kämmerchen. Schwül ist es hier und stickig. Acht Menschen sitzen dicht gedrängt auf Bürostühlen und auf zwei Holzbänken. Sie warten, während draußen in der Tierzuchthalle das pralle Leben des Pichelsteinerfestes tobt. Sie warten darauf, dass jemandem etwas passiert an diesem lauen Sommerabend.
Es sind zwei Parallelwelten, die um kurz nach 22 Uhr nur durch eine Tür voneinander getrennt sind. Hier die rauschhafte und oft rauschige Welt des größten Volksfests im Bayerischen Wald, dort das einfache, ziemlich triste Kämmerchen, gefüllt mit ehrenamtlichen BRK-Kräften, die einen Job zu erledigen haben. Geht die Tür auf, dann vermischen sich die Welten für einen kurzen Zeitraum. Rausch trifft auf größtmögliche Nüchternheit.

Auffallend viele Junge sind beim BRK dabei

Es sind auffallend viele junge Erwachsene, die an diesem Dienstagabend in der Kammer direkt am Eingang zur Tierzuchthalle sitzen. Es ist der fünfte Tag des Pichelsteinerfestes. Endspurt. Die meisten hier haben schon mehrere Nachtschichten hinter sich. Manchen Gesichtern merkt man das durchaus an. Von 20 Uhr bis 1 Uhr geht die Schicht. Offiziell.

Denn meistens kommen gerade kurz vor Schichtende noch Einsätze rein. Dann wenn sich die Halle leert und die auf den Bänken zurück bleiben, bei denen von alleine nicht mehr viel geht. „Um 2 Uhr bin ich normalerweise im Bett“, erzählt Wolfgang Stoiber. Der 42-Jährige ist Bereitschaftsleiter beim BRK Regen. „Und um 6 Uhr muss ich wieder aufstehen. Da wartet dann meine richtige Arbeit.“ Stoiber hat ein Lächeln im Gesicht, als er das sagt. „Auch wenn es anstrengend ist, das Fest ist trotzdem schön.“

20.45 Uhr: Wolfgang Stoiber sitzt in dem kleinen, weißen Container an der Einfahrt zum Tierzuchthallenparkplatz. Er werkelt an einer mächtigen Schweinshaxe. Seine Stärkung für eine lange Nacht. Thomas Hödl (28) und Stefan Billmeier (19) sitzen neben ihm. Thomas ist seit zehn Jahren als Ehrenamtlicher beim BRK , Stefan seit drei. Die beiden unterhalten sich darüber, was sie am Nachmittag schon alles zu tun hatten. „Mit den Insektenstichen war es heute krass“, meint Thomas. Stefan nickt: „Ja, die Wespen sind diesmal besonders aggressiv.“

Sechs Stiche mussten sie an diesem Dienstag versorgen. Die Prozedur ist immer die gleiche: Kältepacks werden auf den Stich gelegt, mit einem Pulsoximeter wird der Puls und der Sauerstoffgehalt im Blut gemessen. „Ansonsten kann man eigentlich nur beruhigend auf die Person einwirken und wenn sie einen allergischen Schock hat, muss sowieso der Notarzt kommen“, erklärt Wolfgang Stoiber.

Es ist kurz nach 21 Uhr als sich das Funkgerät zur Wort meldet. Erst kommt ein Rauschen, dann hört man eine verzerrte Stimme. „Festwache hört!“ Thomas Hödl nimmt sich des Falls an. In der Tierzuchthalle hat ein Jugendlicher eine schwere Schnittverletzung erlitten. Jetzt soll er in den Container am Rand des Festes gebracht werden, um dort auf den Krankenwagen zu warten. „Den Container haben wir in diesem Jahr zum ersten Mal. Da kommt der Krankenwagen viel leichter hin, und wir haben nicht so große Probleme mit den Schaulustigen“, erklärt Stoiber noch schnell.

Schon wird ein etwa 16-Jähriger mit langen, lockigen Haaren auf wackligen Beinen in den Container geführt. „Beim Anprosten ist der Bierkrug zerbrochen“, sagt er nur. Das Glas hat sich in seinen Arm gebohrt. Bis zum Knochen geht die Wunde. Vor Ort ist er schon erstversorgt worden. Jetzt wartet der Junge erstaunlich gefasst auf den Krankenwagen. Etwa zwei Minuten dauert es, dann braust der mit seinem neuesten Patienten wieder ab. „Zehn bis 15 Krankenhaus-Transporte haben wir so pro Fest“, sagt Wolfgang Stoiber.

23 Uhr: Stoiber dreht eine Runde über das Festgelände. „Es gibt so neuralgische Punkte, wo sich die Betrunkenen gern zum Schlafen hinlegen“, sagt der 42-Jährige. An diesem Abend jedoch − nichts. Dafür wird Stoiber alle gefühlte zehn Meter von einem Bekannten aufgehalten. „Herr Sanitäter, ein Notfall, ein Notfall“, wird dann etwa gefrotzelt, bevor es wieder weiter geht.

Zurück in der Tierzuchthalle: Immer noch ist reichlich Betrieb in dem BRK-Kämmerchen. Nicht, dass Patienten gekommen wären. Nein, die Schnittwunde vor zwei Stunden war der letzte Fall. Aber auch so ist einiges los. Bekannte schauen kurz rein und BRKler, die eigentlich gar nicht Dienst hätten, drängen sich in das Zimmer. Wegen der Gemeinschaft seien sie hier, erklären sie. Oder wie es Wolfgang Stoiber ausdrückt: „A Schmatz geht immer!“

BRK beim Pichelsteiner-Fest

So sieht der Alltag aus: Die BRK-Leute sitzen in ihrem Kämmerchen und warten auf den nächsten Einsatz. Und der lässt in dieser Nacht auf sich warten . . .

Es ist gibt kaum mehr Schlägereien

Ein ziemlich ruhiges Fest ist es gewesen, da sind sich die BRKler einig. „Es ist zwar traurig, dass ein Volksfest im Bayerischen Wald einen Security-Dienst braucht, aber es hilft“, sagt der 29-jährige Andreas Weichselgartner. „Verletzte wegen Schlägereien haben wir so gut wie gar nicht mehr.“ Wieder geht die Tür auf. Alle schauen auf. Braucht da jemand Hilfe? Nein, es ist nur der nächste Bekannte, der kurz vorbeischaut. „Und wir warten weiter auf das Christkind“, sagt Wolfgang Stoiber und lacht.


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